16 September 2008

Albert Schweitzer im Ethikunterricht

Albert Schweitzer im Ethikunterricht an einer Chemnitzer Berufsschule

Bettina Stier, August 2008

Die Schweitzerarbeit spielt natürlich auch eine Rolle im Unterricht an berufsbildenden Schulen. Im Folgenden soll vom Ethikunterricht in zwei Klassen des Beruflichen Schulzentrums für Wirtschaft II in Chemnitz die Rede sein (Schuljahr 2006/2007).

Die künftigen Kaufleute für Dialogmarketing werden in ihrer Berufsausbildung auf ihre spätere Tätigkeit in Werbeagenturen und Callcentern vorbereitet. Ein Lehrplanthema des 1. Lehrjahres lautet „Humanität“ und diesem Rahmen beschäftigten sich die jungen Leute unter Anleitung ihrer Ethiklehrerin, Frau Petra Wunderlich, mit Albert Schweitzer. Zuerst mussten sie sich über die Person Schweitzers informieren – Vorkenntnisse hat heute fast niemand mehr.

Nachdem die Klasse dann im Unterricht über Albert Schweitzer gesprochen hatte, wurden die Azubis der Telekom Leipzig nun aufgefordert zu notieren, wo sie ihr Lambarene zu finden glauben. Die Antworten sind, wie Sie lesen werden, sehr vielfältig und ganz unterschiedlich in der Tiefe der eigenen Überlegungen oder bereits des eigenen Engagements:

Da finden wir zuerst einmal durchgängig die Notiz, man habe „jeden Monat 1 € an das Betreuungswerk der Postbank/Telekom gespendet“, offensichtlich eine übliche Aktion bei Telekom.

Desweiteren wird notiert, man habe „für Tschechen Sachen hingestellt“, „Klamotten mit nach Rumänien gegeben“ oder „Spielsachen an das Kinderheim gegeben“. Gut, das ist schon etwas, denke ich, aber Dinge, die man nicht mehr braucht wegzugeben, ist nicht wirklich eine bemerkenswerte Sache. Ähnlich verhält es sich damit, dass bei Mc Donald’s oder Deichmann ein bisschen Wechselgeld „für arme Kinder gespendet“ wurde oder „Pennern eine Zigarette gegeben“ wurde.

Schon mit mehr Nachdenken und mehr Aufwand verbunden waren diese Aktivitäten: „Organisation eines Kuchenbasars“, „Spende für die Opfer einer Umweltkatastrophe in Südostasien“, „im Tierheim gearbeitet und mehrfach Futter gespendet“ oder sogar „unentgeltliches Arbeiten im Restaurant für Obdachlose“. Ohne Einzelheiten zu kennen, meine ich, dass keiner verallgemeinernd behaupten sollte, junge Leute seien nur auf das eigene Wohlergehen bedacht.

Ein bisschen schmunzeln musste ich bei den Tierpatenschaften im Leipziger Zoo: „Patenschaft für ein Erdmännchen, nächstes Jahr Patenschaft für einen Pinguin“.

Manche junge Leute – und das scheint mir besonders in Schweitzers Sinne zu sein – denken gar nicht vordergründig an Geld- und Sachspenden, sondern daran, sich ihren Mitmenschen hinzuwenden. Ich lese: „der Oma helfen“ oder „Ich finde jedes Mal mein Lambarene, wenn ich jemandem eine Freude mache und die Person sich freut.“

Soweit könnte man zufrieden sein – wenn die anderen Notizen nicht wären: „Bis jetzt ist noch nichts weiter geplant.“, „Ich habe noch nicht darüber nachgedacht.“ (bei 5 von 21 Azubis!) oder sogar recht arrogant: „Ich denke darüber bei Gelegenheit nach.“

Dass es nicht reicht, nur einmal über Albert Schweitzer und die seinem Leben zugrunde liegende Haltung zu reden, dass immer wieder Wertediskussionen nötig sind - das ist nicht nur die Erfahrung einer engagierten Ethiklehrerin, sondern das wird auch jeder Leser dieser Zeilen so empfinden. Gleichzeitig wird klar, dass diese Werteerziehung nicht allein Aufgabe der Schule sein kann, sondern dass jedes Elternhaus ebenso wie jede Freizeiteinrichtung dabei gefragt ist.

Aber Petra Wunderlich verweist auch auf eine andere problematische Argumentation junger Leute: „Wenn ich genug Geld habe, werde ich auf jeden Fall für die Dritte Welt spenden.“ Humanitäre Hilfe ist für viele gleichbedeutend mit Hilfe für Afrika. Darüber, dass Armut und soziale Ungerechtigkeit aber gleich vor unserer Haustür anfangen, haben viele noch nicht nachgedacht. Und welche Rolle dabei die Medien spielen, wird deutlich, wenn ein Azubi als Hilfsmöglichkeit anführt: „Ein Kasten Bier = 1 Cent für den Regenwald“.

In einer anderen Klasse, bei künftigen Werbekaufleuten, war die Spanne der Antworten sogar noch größer: Zwei von 17 ließen den ihnen ausgegebenen Zettel gleich ganz unbeschrieben, drei weitere schrieben „Ich habe keine Vorstellung!!!“, „Ich weiß es noch nicht.“ bzw. „Keine Ahnung, was in 10 Jahren ist ...“. Bei soviel Planlosigkeit der eigenen Zukunft gegenüber ist wohl kein Kommentar nötig ...

Auf mehreren weiteren Zetteln lesen wir, was man v i e l l e i c h t und s p ä t e r tun k ö n n t e: „Kindertagesstätte oder Kindergarten aufbauen“, „als Vorbild für meine Kinder agieren, sodass auch sie das Leben zu schätzen wissen“, „auf soziale Ungerechtigkeiten aufmerksam machen“, „eventuell beim THW“ oder „später mal als Fotograf die Probleme armer Länder der Welt zeigen“. Hier hat man wenigstens schon einmal nachgedacht.

Und ganz real ist schließlich die Information: „Ich spende Blut.“

Weiter lese ich: „Lambarene ist überall. Man kann immer was tun. Oftmals fehlt die Zeit und die Auseinandersetzung, etwas bewirken zu können.“ Diese Worte wirken auf mich noch planlos, aber offen für die Möglichkeiten des Lebens. Hoffentlich wird der junge Mann seinen Weg finden zu helfen.

Ähnlich fatalistisch liest sich die folgende, besonders ausführliche Meinung: „Meiner Meinung nach sollte man sich solche Ziele nicht setzen! Jedes Silvester bzw. in der Neujahrsnacht setzt man sich neue Ziele, aber was wird wirklich in die Tat umgesetzt?! Man sollte die Dinge, die man tun möchte, tun und wenn man im Bus einer alten Dame den Platz frei macht, zu Weihnachten Päckchen schickt, ein Kind adoptiert, je nach finanziellen Mitteln. Jeder sollte das machen, was er will und wann er es will! Und sich nicht das Ziel setzen ‚Mit 30 mach ich dies oder jenes, um sozial zu sein und mich gut zu fühlen.’“.

Jedem, der diese Sätze liest, wird viel Widerspruch durch den Kopf gehen. Aber wir sollten uns auch um Verständnis bemühen: Wofür sollen sich heutzutage junge Auszubildende schon begeistern, wenn sie noch nicht einmal wissen, wie ihr Lebensweg nach der Ausbildung weitergeht, ob ein Arbeitsplatz oder der Gang aufs Arbeitsamt wartet?

Der heutige Zeitgeist wird noch deutlicher in einer abschließend zu zitierenden Äußerung: „Wenn ich mir und meiner Familie alles geleistet habe, erfüllt habe, was ich mir vorgestellt habe, keine Wünsche mehr offen sind, dann würde ich anderen Kindern helfen, ihnen durch finanzielle Hilfe eine tolle Kindheit ermöglichen und Zukunftsaussichten. Aber an erster Stelle steht meine Familie. So ist die heutige Zeit eben.“

Dass sie nicht so bleibt, weil sich hoffentlich auch viele der hier zitierten, noch unsicheren jungen Leute später an Albert Schweitzer erinnern und eine Möglichkeit finden werden, sich in irgendeiner Weise sozial zu engagieren, das ist mein Wunsch für die Zukunft – dafür arbeiten Petra Wunderlich und auch ich als Lehrerinnen täglich mit jungen Leuten zusammen und sind dazu in einem Nebenamt tätig, in einem SOS-Kinderdorf bzw. im Albert-Schweitzer-Komitee. Und vermutlich – das zeigt unsere Erfahrung - treffen wir eines Tages einen unserer Schüler in einer dieser Organisationen wieder.